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Integrationchancen statt Duldungsstillstand

Stell dir vor, du besitzt keinen Pass… und bist in deiner Heimatstadt nur „geduldet“:

Was dies bedeutet, können einige in Essen lebende „geduldete“ Kinder und Jugendliche leicht beschreiben: Da ist die Klassenfahrt ins benachbarte Ausland, an der sie nicht teilnehmen können, weil sie Essen nicht so ohne weiteres verlassen dürfen, da sind spezielle Regeln und Pflichten zu beachten, die den Alltag erschweren, oder Gesetze, die z.B. verhindern, dass junge Erwachsene so ohne weiteres den Führerschein machen dürfen oder Verträge z.B. für ein eigenes Smartphone abschießen können. Auch der Start ins Berufsleben gestaltet sich mit einem ungeklärten Aufenthaltsstatus sehr schwierig. Ohne Pass zu sein bedeutet immer abhängig zu sein von anderen, vom Staat oder von Behörden, keine Sicherheit zu haben und kein wirklich selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Einige Kinder und Jugendliche sind nach der Flucht der Eltern hier aufgewachsen, andere sind in Essen geboren - aber wegen der ungeklärten Staatsangehörigkeit der Eltern, Großeltern oder der Urgroßeltern sind sie trotzdem in Essen nur geduldet. Sie erhalten keinen Pass und müssen daher mit starken Einschränkungen ihr Leben meistern.

„Ich wünsche mir eine möglichst offene Diskussion mit allen Verantwortlichen über die konkrete Situation geduldeter Menschen in Essen“, erklärte ein jugendlicher Besucher kurz vor Beginn der Veranstaltung im Café der Weststadthalle und ein anderer ergänzt: „Das alles kann doch nicht noch Jahre so weitergehen. Ich hoffe hier auf einen Neuanfang.“

Doch bereits zu Beginn der Veranstaltung warb der für Kultur, Integration und Sport zuständige Dezernent Andreas Bomheuer um Verständnis und Geduld, damit sich etwas ändern könne, brauche es Zeit und Vertrauen. Auch der für die Aufgaben Jugend, Bildung und Soziales zuständige Dezernent Peter Renzel sowie der Leiter der Behörde für Staatsangehörigkeits- und Ausländerangelegenheiten Jörg Stratenwerth waren sich darin einig, dass die schwierige gesetzliche und politische Situation Veränderungen der gängigen Praxis nur in geringem Maß zulässt und alle Beteiligten zudem vorsichtig und umsichtig agieren müssten, um überhaupt etwas zu erreichen. Die gemeinsame Botschaft der Verwaltungsvertreter lautete: Man arbeite derzeit an einem Essener Modell, das zu konkreten Verbesserungen in der Praxis führen solle.

Es war der erklärte Wunsch der Kinder und Jugendlichen, welche bereits seit 2013 im Rahmen der Beteiligungsprojekte umdenken-jungdenken und mitWirkung für ihre Interessen aktiv wurden, eine Veranstaltung zur Situation geduldeter Kinder und Jugendlicher in Essen durchzuführen. Nach intensiver Vorbereitung fand diese nun unter Beteiligung von Verwaltung und Politik am 10. Dezember im Cafe Horizont in der Weststadthalle statt. Moderiert von Willi Overbeck sollte Politik und Verwaltung vor allem auf die ganz konkreten Fragestellungen der Kinder und Jugendlichen offen eingehen, was jedoch leider nur sehr selten gelang.

60 - 70 Essener unterschiedlichen Alters verfolgten die über zweistündige Podiumsdiskussion gespannt und überwiegend konzentriert. Einige Jugendliche saßen als Diskutanten mit auf dem Podium, weitere belegten die ersten Stuhlreihen im Publikum. Ein Vertreter der Jugendlichen aus Altendorf zieht am Ende der Veranstaltung ein recht ernüchterndes Fazit: „Ich sitze hier vor euch und fühle mich genauso schei... wie im letzten Jahr, für mich hat sich nichts geändert.“. Trotzdem versucht Willi Overbeck in der Abmoderation Mut zu machen: „Vielleicht sollten wir nicht bis Dezember 2015 warten, vielleicht machen wir eine solche Veranstaltung im Juni 2015 um Mal zu sehen, ob es schon Zwischenschritte gibt.“ Und was meint der Veranstalter? „Aus der Sicht des Arbeitskreis Jugend war diese Veranstaltung richtig und wichtig, um auf die schwierige Situation der jungen Menschen mit ungeklärtem Aufenthalt (Duldung) aufmerksam zu machen. Jedoch kann die Veranstaltung nur als Auftakt gesehen werden, um gemeinsam mit Politik und Verwaltung nach Möglichkeiten und Wegen zur Verbesserung der Situation junger, geduldeter Menschen in Essen zu suchen“, erklärt Philipp Hennen für den Arbeitskreis Jugend. 

Und Jens Buschmeier resümiert: „Jugendliche im Duldungsstatus brauchen endlich Perspektiven für eine soziale, gesellschaftliche und berufliche Integration sowie Teilhabe an der Gesellschaft.“ Buschmeier führte Audio-Interviews mit betroffenen Jugendlichen, die zu Beginn der Veranstaltung eingespielt wurden. 

Impressionen von der Veranstaltung bietet in Kürze ein kurzer Videobericht und die Dokumentation des ausformulierten, ausführlichen Forderungskatalogs. Hier die zusammengefassten Forderungen geduldeter Kinder- und Jugendlicher in der verkürzten Form: konsequente Ausnutzung von Ermessensspielräumen im Ausländeramt zur Verbesserung der Lebenssituation von geduldeten Menschen, Transparenz über Verwaltungsentscheidungen in der Ausländerbehörde, faire Beratung von Geduldeten über rechtliche Möglichkeiten zur Erlangung eines Aufenthaltstitels, Zusammenführung der für Geduldete zuständigen Fachbereiche (bisher: Integrationsmanagement Jugendamt/ Ausländerbehörde/ Jobcenter)